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Was passiert, wenn ein Maler und eine Maschine kollaborieren, zeigt Roman Lipski in seinem Projekt „Unfinished“. In einem endlosen Pingpongspiel nutzt der Künstler Künstliche Intelligenz, um ein Landstraßenmotiv in immer neuen Varianten zu malen: modern, abstrakt, klassisch, bunt, grau – endlos viele Ideen entstehen.

Ein Beitrag von Michael Sudahl.

Auf der 32. Europace-Konferenz nimmt Klaas Bollhoefer, Gründer und Chef der Agentur Birds on Mars, dieses Beispiel, um zu zeigen, wie Künstliche Intelligenz und Mensch Kreativität generieren.
Dass die schiere Menge an Motiven viel größer (unendlich) ist, wie wenn der Künstler alleine malt, liegt auf der Hand. Dass die digitalen Werke aber auch schön, schräg oder provokant daherkommen, überrascht. Die digitale Muse scheint zu funktionieren. Unfinished setzt damit die Gegenthese zur Angst vieler Menschen vor der großen Unbekannten Künstlichen Intelligenz. Von der auch Referent Bollhoefer sagt, dass er keine Ahnung habe, wie sie sich in den nächsten Jahren entwickelt. Dabei meint der Berliner einen Zeithorizont von nicht einmal drei Jahren.

Neues Selbstverständnis

Wenn Mensch und Maschine, so sein Ansatz, kollaborieren, die Schnittstellen ausleuchten, dann entsteht Neues. Neue Denkmuster, neue Prozesse und neue Lebensweisen. „Wenn das autonome Fahren Realität wird, werden wir ein völlig neues Selbstverständnis von Autofahren entwickeln“, blickt der Querdenker und Mathe-Fan in die Zukunft. So wie einst Hammer und Nagel die Welt verändert haben, so werde das der „AI Summer“ ebenso tun.

AI Summer? Folgt auf den „AI Winter“, eine Zeit vor fünf oder zehn Jahren, als man versucht hat, Artificial Intelligence ohne Daten zu erzeugen. Heute, so Bollhoefer, haben wir Datenmengen sowie die entsprechende Rechnerleistung zur Verfügung, die es uns ermöglichen, „die bestmögliche Linie“ zu finden. Um zu klassifizieren. Software, die heute noch auf teils jahrzehntealten Algorithmen basiert, suche nach der Trennung 1 und 0, Strom fließt, Strom fließt nicht.

KI kommt mit Lichtgeschwindigkeit

Dabei beobachtet Bollhoefer disruptive Elemente. Beim Blick in Unternehmen und Organisationen nimmt er „starke Gravitationskräfte“ war. Firmen, beziehungsweise die Menschen tendieren dazu, alles beim Alten zu lassen. An Hierarchien festhalten und Agilität vermeiden. Gängige Muster immerzu wiederholen erzeuge gefühlte Sicherheit. Doch AI oder auf Deutsch KI rausche in Lichtgeschwindigkeit durch diese „tiefen Täler“.

Aber Maschine Learning, was laut Bollhoefer die zutreffendste Bezeichnung für KI sei, komme in immer mehr Anwendungen zum Tragen. So wie die Bewegungsmuster eines Breakdancers auf Videos Dritter übertragen werden können, damit diese am Bildschirm genauso cool tanzen können. Virale Fakes bestätigen das: Da werden Gesichter Prominenter in Pornos gefaked und Politikern Statements untergejubelt, die diese nie gesagt haben.

Gleichzeitig hat Goolge im Frühjahr 2018 einen Sprachassistenten vorgestellt, der, ohne als solcher erkannt zu werden, einen Tisch im Restaurant bestellt und lebensecht, umgangssprachlich mit „Oh, I got ya“ die Unterhaltung schließt – was für „Ich hab´s kapiert“ steht. Für Bollhoefer zeige diese Entwicklung, dass Maschinen Dienste abnehmen und Service erbringen können, die Makler und Berater im Arbeitsalltag entlastet. Der Preis dafür sei Altes über Bord zu werfen und offen zu sein für die Möglichkeiten, die Software heute bietet.

Ingenieurskunst gefragt

Den Schlüssel für diesen neuen Schaffensprozess sieht Bollhoefer in der Ingenieures-Kunst. „Wir brauchen Software-Ingenieure, die Alexas und autonome Autos entwickeln und bauen können. Gefragt seien Fachleute, die die Transformation der Unternehmen von reinen Dienstleistern oder Produzenten zu Softwarefirmen initiieren und begleiten können. Es sei Zeit, für einen Paradigmen-Wechsel“, fordert der Experte und schiebt hinterher „vielleicht brauchen wir einfach mehr Künstler in den Firmen“. So einen wie Roman Lipski. Der sich aufmacht und angstfrei loslegt. Ohne zu wissen, was die Maschine, die Software, der Algorithmus, die KI mit seinen Vorgaben anstellt. Einen der mutig experimentiert. Die Technik ist bereit, die Menschen sind es oft noch nicht. Auch, weil ihnen die Aufmerksamkeit abhandengekommen ist, meint Bollhoefer. Um dann eine Strategie anzubieten, wie Mensch und Maschine sich annähern können: Die neuen mentalen Modelle müssten wie einmassiert werden. In die Unternehmen und wohl auch in unsere Köpfe.